17. August 2006

Heimkino

Heute bin ich auf eine Premiere gegangen. Eine gemeinsame Bekannte von Georgette und mir - Alpha - stellte drei ihrer Filme vor. Ich wußte, daß sie eine Regisseurin ist, aber ich hatte noch keinen ihrer Filme gesehen. Sie macht Filme mit lesbischem Einschlag, allerdings ohne explizit zu werden. Das klang erstmal interessant und ich habe mich auf einen Abend mit dem texanischen Film-Untergrund gefreut. Das Kino war auch rappelvoll - und dann begann das Elend...
Ich würde ja gerne so etwas sagen wie: "Aber der Schnitt war klasse!" oder "Super Ton!", aber das wäre gelogen. Zusammenfassend würde ich sagen, es wirkte wie ein bemühtes Schülerprojekt, und es war schon fast peinlich, denn das ganze war angekündigt worden wie eine Mischung aus "Citizen Kane" und "Die Farbe Lila". Ich mußte mir zwischendurch hart auf die Zunge beißen.
Am schlimmsten war aber die Produktion "Chronicles of Halcyon", eine Fantasy-Geschichte in einer Welt, die nur von Frauen bewohnt war. Die zwei Darstellerinnen, die wirklich was konnten, deplatzierten die anderen gewaltig und ich habe schon Videomitschitte von Liverollenspielen gesehen, die mehr Atmosphäre hatten. Zugegeben: Texas bietet nicht wirklich viel Altertum, aber dann hätte ich vielleicht lieber eine Cyberpunk-Story gemacht. Furchtbar von vorne bis hinten. Zerrissen hat es mich dann in der Liebesszene zwischen der Anführerin der Amazonen (einer sehr kantigen jungen Dame) und der Schwester der Königin (einer sehr zartgliedrigen jungen Dame). Als die Amazone sagte: "I have a confession to make...", vervollständigte Georgette den Satz mit: "I am a woman...". Politisch unkorrekt, und so mussten wir in den Sitzen nach unten rutschen, um nicht den Unbill der Umsitzenden auf uns zu ziehen, während uns der Lachkrampf in den Krallen hatte. Als ich dann noch erfuhr, daß das Ganze als Pilot für eine TV-Serie gedacht war, war es zu Ende mit mir. Ich ließ mein Gehirn leise bluten und wir verließen das Kino bevor die Lichter angingen und die Regisseurin und die Darsteller sich den Fragen des Publikums stellen konnten. Das wollte ich nicht erleben.
Die Frage, die ich mir hinterher stellte, ist diese: darf man ohne schlechtes Gewissen das künstlerische Schaffen gesellschaftlicher Minderheiten kritisieren? Oder lege ich hier ein Maßband an, das von toten weißen Männern vor Jahrhunderten erschaffen wurde und somit nicht mehr gelten sollte? Mir fällt dazu ein Essay ein, das sich mit dem Trend des "Pathetic Aesthetic" beschäftigt und Kunstkritikern jede Legitimation abspricht, ein Kunstwerk zu bewerten, denn sie würden dabei solche Maßstäbe wie "Originalität" und "Qualität" anlegen, tsk tsk. Mit anderen Worten, wer das unsägliche Machwerk eines schwarzen Künstlers kritisiert, ist vor allem erstmal Rassist - und darunter leiden nicht wenige Kuratoren in Amerika. Aber ich halte es mit Harald Schmidt: "Jede Minderheit hat das Recht, verarscht zu werden!". Ich werde also ruhig schlafen, wenn ich hier ausrufe: "Es war schlecht, und die sexuelle Ausrichtung der Regisseurin ist mir dabei egal."

 
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